Heute vor 4 Jahren….

Begann ein neues Leben? Oder endete ein altes?

Na ja, ganz so extrem sollte ich es vielleicht nicht formulieren. Heute vor 4 Jahren wurde ich wachgerüttelt und der Veränderungsprozess begann. Gaaaaanz langsam.

Heute vor 4 Jahren hatte ich meinen Zusammenbruch -> Burn Out, nichts geht mehr.

An die ersten Tage kann ich mich gar nicht mehr so genau erinnern. Außer Wände anstarren habe ich wahrscheinlich nicht viel gemacht. Abwesenheit, totale Erschöpfung, innere Leere, kein Antrieb. Mir einzugestehen, dass ich Hilfe brauche, dass ich das alleine nicht schaffe, das war wohl der schwierigste Part an der ganzen Sache. Innerhalb von 2 Wochen hatte meine Hausärztin mir einen Termin bei einem Neurologen verschafft, der war sich sicher: Bei der Schwere der gestellten Diagnose und meinem aktuellen Gesundheitszustand würde ich binnen zwei Wochen eine REHA-Maßnahme antreten können. Die Anträge wurden verschickt und dann hieß es warten.

Fünf Monate später saß ich immer noch zu Hause und nichts war passiert. Ich stand auf der Warteliste von ca. 20 Therapeuten mit 1-2 Jahren Wartezeit. REHA wurde abgelehnt, Widerspruch, Gutachter, erneute Ablehnung, erboster Anruf meiner Hausärztin und meines Neurologen bei dem Rententräger. Totale Gleichgültigkeit bei den zuständigen Personen. Die Patientin könnte ja vor Gericht gehen. Diesen Weg hätte ich jedoch nicht durchgestanden. Also, letzte Möglichkeit: Akut-Einweisung in eine Klinik. Es dauerte auch „nur“ 6 Wochen, dann hatte ich einen Platz.

In der Zeit in der ich völlig verzweifelt zu Hause saß und auf Hilfe wartete, fing ich an mir eine kleine Bibliothek zu den Themen Burn Out, Depression, Lebenshilfe etc. anzulegen. Nur war ich kaum in der Lage die Bücher zu lesen, geschweige denn es zu verarbeiten. Aber ich habe so verzweifelt nach Hilfe gesucht und wollte unbedingt schnell alles hinter mir haben.

Wie oft habe ich gesagt: Wäre das alles schon vorbei, hätte ich das doch alles schon hinter mir. Damals sagte mir jemand sinngemäß immer wieder: Du hast doch schon einen großen Schritt getan, Du bist doch auf dem Weg der Besserung. Wenn auch langsam, aber es passiert doch was. Sei geduldig. Alles wird gut.

Dann kam die Zeit in der Klinik. In den ersten 2 Wochen hatte ich keine Therapie, keine Gespräche, nichts. Ich sollte einfach zur Ruhe kommen. Das fiel mir extrem schwer. Ich konnte nicht NICHTS tun. Also ging ich stundenlang durch die umliegenden Wälder. Alleine, mit einer kleinen Kamera. Damals begann meine Liebe zur Fotografie. Die anfänglichen Panikattacken ließen schnell nach. Ich lernte achtsam die Umgebung wahrzunehmen, genoss die Farbenspiele im Wald, das Vogelzwitschern… Die Natur war für mich die beste Therapie die ich zu diesem Zeitpunkt bekommen konnte. In der restlichen Zeit habe ich einfach nur viel geweint. Ich wurde bereits bei der Einlieferung von der Oberärztin gefragt warum ich so viel weine. Ich konnte ihr darauf keine Antwort geben. Ich habe schon immer schnell und viel geweint… und besonders die letzten 5 Monate. Weinte ich aus Verzweiflung? Aus Angst? Ich weiß es nicht.

Nach 2 Wochen begannen dann auch für mich Gespräche und Therapien und bei der Auswahl haben die Ärzte und Pfleger die richtige Wahl getroffen. Alles tat mir sehr gut und half mir zu mir selbst zu finden. Mir ging es richtig gut.

Ein kurzes Gespräch mit einer der Therapeutinnen hat mir besonders viel gebracht. Beim Spazierengehen im Park kam sie mir entgegen und gab mir den Hinweis, dass ich mich mal mit dem Thema Hochsensibilität auseinandersetzen soll.

Da war es wieder. Das Thema, was ich ein paar Jahre zuvor völlig verdrängt habe, weil ich nicht anders sein wollte als alle anderen. Ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen. Das tat ich auch diesmal nicht direkt.

Nach meiner Entlassung habe ich ziemlich schnell wieder angefangen zu arbeiten. Ein Fehler wie ich im Nachhinein weiß. Ich hätte langsamer wieder einsteigen müssen. Aber ich habe es trotzdem geschafft.

Direkt nach der Entlassung hatte ich auch das Glück, dass genau die Therapeutin, die mir am Telefon sehr sympathisch war und zu der ich unbedingt wollte, einen Platz anbieten konnte. Also war ich nicht ganz auf mich alleine gestellt.

Na ja, ganz auf mich alleine gestellt war ich die ganze Zeit nicht. Es gab eine Handvoll Menschen, die die ganze Zeit über für mich da waren und 1-2 Personen habe ich so vertraut, dass ich ihnen mein Herz komplett ausgeschüttet habe. Sie waren für mich da, egal wann, haben sich teilweise stundenlang Zeit genommen um mir in Ruhe zuzuhören, mich wachzurütteln oder mir Hilfestellungen und Tipps zu geben. Dafür bin ich auch heute noch unendlich dankbar. Ohne diese Menschen hätte ich es nicht geschafft… na ja, zumindest wäre es ohne sie schwerer gewesen.

Wenn es mir auch in der Klinik sehr gut ging und ich zum Schluss sogar angefangen habe mich den Problemen einiger anderer Patienten zu widmen (man nannte mich liebevoll die Mutter Teresa der Station), machte ich doch einen Rückschritt als ich wieder zu Hause war. Meinen sicheren Ort – die Klinik und die umliegenden Wälder – musste ich verlassen und war anfangs völlig überfordert mit dem Alltag draußen in der „normalen Welt“.

Da ich also immer noch nicht an meinen ersehnten Ziel war und ich unbedingt schnell wieder richtig „gesund“ sein wollte, fing ich an alles Mögliche auszuprobieren. Ich las wieder jede Menge Bücher, beschäftigte mich mit Heilmethoden, ging zu Seminaren, Coachings und und und. Ich habe mich völlig verzettelt im unendlichen Angebot der Möglichkeiten. Heute weiß ich, dass ich das aus purer Verzweiflung gemacht habe. Ich wollte eine Lösung finden und ich wusste nicht wie, wusste nicht was das richtige für mich ist. Was ist mein Weg? Und wenn ich mich kurze Zeit für einen Weg entschieden hatte, kamen die Zweifel: ist dies auch der richtige Weg? Ich könnte ja noch dieses jenes und welches probieren. Auf der Suche zu mir selbst verlor ich mich immer mehr.

Und wieder waren es die Worte von jemandem die mich wachgerüttelt haben: Du suchst auch nur den Sternenstaub, der alle Probleme löst.

Anfangs haben mich diese und weitere Aussagen in dem Gespräch sehr getroffen. Wie konnte jemand so über mich und mein Leben urteilen. Kannte er meinen Weg? Wusste er was ich durchgemacht habe und wie verzweifelt ich war? Sicher nicht.

Aber kurze Zeit später wusste ich, dass diese Aussagen stimmten. Ich suchte wirklich nach DER Lösung zu meinem Problem. Aber was war überhaupt mein Problem und gab es DIE Lösung? Wieder ging ich stundenlang in den Wald. Immer und immer wieder. Und auf einmal war mir klar, dass ich die Antwort nur in mir finde. Dass ICH die Lösung bin. Sicher habe ich mich im Vorfeld immer mal wieder mit Selbstliebe und Selbstakzeptanz beschäftigt. Zwei sehr schwierige Themen für mich, die ich dann natürlich auch gerne beiseitegeschoben habe. Und theoretisch wusste ich auch, dass ich die Antwort nur in mir finde… aber es ist einfach nicht so leicht sich mit sich selber auseinanderzusetzen. Es wäre doch viel schöner und einfacher wenn andere die Lösung bringen könnten.

Bei der „Auseinandersetzung“ mit mir kamen so viele Themen hoch, die ich jahrelang einfach nur verdrängt hatte. Aber so schmerzlich dieser Weg, den ich nun für mich gewählt habe auch ist, ich weiß, dass er der richtige für mich ist: der Weg des Herzens.

Ich fing an alles zu akzeptieren wie es ist. Auch die Hochsensibilität, die ich zuvor eigentlich nur als Fluch gesehen habe… dabei ist sie doch auch ein Segen.

Wie geht es mir heute? 4 Jahre nach dem Zusammenbruch? Kurz und knapp: Gut!

Ich verlasse mich auf mich und achte auf meine Bedürfnisse und vor allem höre ich auf mein Herz. Ich lasse alte Wut und Verletzungen – alles was sich angestaut hat – los und verzeihe/vergebe mir und anderen. Nach und nach.

Ich bin stolz auf das was ich in den letzten Jahren geschafft habe. Auch heute habe ich liebe Menschen an meiner Seite die mich begleiten, mich unterstützen und immer für mich da sind. Auch dafür bin ich unendlich dankbar.

Ich weiß, dass ich noch lange nicht angekommen bin, aber ich bin auf dem richtigen Weg, auf meinem Weg. Dem Weg des Herzens.

Dieser Weg ist mal holprig, mal steil, mal einfach. Ich bin mal glücklich, mal traurig, mal übermotiviert, mal erschöpft… und vielleicht nehme ich auch den ein oder anderen Umweg. Aber wichtig ist, ich weiche nicht mehr aus. Ich weiche MIR nicht mehr aus. Ich akzeptiere und lasse zu. Alles darf sein.

Melanie

PS: Als ich heute Morgen aufstand, hatte ich das Bedürfnis mein Notebook zu holen und zu schreiben. Es war als würden mir diese Worte diktiert, ich musste gar nicht groß nachdenken. Dann habe ich lange überlegt ob ich es veröffentlichen soll oder nicht… Aber ich denke ich habe den Text nicht nur für mich geschrieben. Daher ist es wohl richtig ihn hier zu posten, denn mittlerweile stehe ich zu mir und meinem Weg.

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