Ein kleiner Osterkorb

„Wenn Du Lust hast, begleite mich ein Stück“, sagte mein Freund zu mir. Ich tat ihm den Gefallen. Wir fuhren ungefähr fünfzig Kilometer vor die Stadt in ein großes, reiches Dorf. Vor einem behäbigen, weit ausladenden Bauernhof machte er Halt. Es dauerte eine kurze Zeit, bis ihn der Besitzer empfing.

„Sie werden sich meiner nicht erinnern“, sagte der Freund, „es war genau wie heute vor vielen Jahren am Ostersonntag. Ich kam damals in meiner größten Not zu Ihnen und bat Sie um ein Stück Brot.“ „Damals kamen viele“, sagte der Bauer. „Eben. Aber Sie hatten ein gutes Herz. Sie gaben mir nicht nur das erbetene Stück Brot. Sie gaben mir auch zwei rote Ostereier dazu und ein kleines Stück Speck.
Ich habe Ihnen das nie vergessen. Ich war damals am Ende meiner Kräfte. Ohne Sie wäre ich verhungert.“ „Ich kann mich nicht erinnern, aber es ist möglich“, sagte der Mann, ein wenig beschämt und beglückt zur gleichen Zeit, „es ist so lange her…“ Mein Freund nickte: „Ich hatte mir damals, als ich beschenkt von Ihrer Tür wegging, vorgenommen, es Ihnen eines Tages zu vergelten. Heute geht es mir wieder gut. Ich habe Ihnen darum einen ganzen Korb Ostereier mitgebracht und einen Osterschinken dazu. Würden Sie mir die Freundlichkeit erweisen, diese Gabe als Zeichen meines Dankes entgegen zu nehmen?“ Der Bauer stand verwirrt da.

Wir fuhren weiter mit dem Wagen zu einem zweiten Haus, nicht allzu weit vom ersten entfernt. Hier empfing uns die Hausfrau. „Am Ostersonntag wie vor vielen Jahren?“, fragte sie. „Nein, ich erinnere mich wirklich nicht – es war damals eine harte Zeit…“
„Aber Sie hatten ein weiches und gutes Herz“, sagte mein Freund. „Sie schenkten mir zwei rote Ostereier und ein großes Stück von Ihrem Osterbrot. Ich erinnere mich noch genau: Es waren Mandeln und Rosinen drin! Heute bin ich gekommen, Ihnen zu danken, was Sie seinerzeit Gutes an mir taten. Darf ich diesen Korb mit roten Ostereiern und einem Osterkuchen obenauf als kleines Zeichen meiner Dankbarkeit für Ihre Nächstenliebe auf den Tisch stellen?“ „Sie beschämen mich“, sagte die Frau und begann zu weinen.

Das ging so drei, vier Häuser weiter; beim siebenten Hof, wo wir vorfuhren – und ich sah noch eine Anzahl Körbe mit roten Ostereiern in seinem Wagen; wir waren also noch nicht am Ende –, fragte ich ihn verwundert׃ „Dir muss es in diesen Tagen gar nicht so schlecht gegangen sein, wenn Du überall am Ostersonntag zwei Ostereier und hier ein Stück Speck, dort einen Kuchen und da wiederum ein Stück Wurst bekommen hast, alles an einem Tag. Wie gut muss es Dir da gegangen sein!“

Mein Freund hielt den Wagen an. „Es ging mir nicht besser als den anderen. An allen Türen, wo ich anklopfte, wurde ich barsch abgewiesen. Ich habe nicht ein einziges Osterei bekommen, geschweige ein Stück Brot oder Speck.“

„Überall dort, wo wir heute waren?“
„Genau in diesen Häusern. Genau von denselben Menschen.“

„Warum bringst Du ihnen dann diesen Korb mit Eiern und ein anderes Geschenk obenauf und bedankst Dich bei denen, die Dir nicht halfen?“

Mein Freund lächelte leise. Er antwortete: „Wenn man den Menschen sagt, sie hätten einmal etwas Gutes getan, auch wenn sie sich nicht daran erinnern – so glauben sie gerne daran, dass sie ihre gute Tat nur vergessen haben. Man kann ihnen einreden, gut gewesen zu sein. So etwas glaubt jeder gern. Und vielleicht tut er daraufhin heute oder morgen wirklich einmal etwas Gutes und hilft einem Menschen, der es nötig hat. Ist das nicht einen Korb Ostereier wert?“

– Jo Hanns Rösler –

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