„Du bist aber auch eine Mimose!“

„Ja, das bin ich. Und das ist okay!“ Irritiert schaut mich meine Kollegin an. Sie hatte eigentlich mit einer Gegenwehr gerechnet. So hätte ich früher reagiert.


Ja, ich bin eine Mimose.

Ja, ich bin empfindlich.

Ich bin hochsensibel und ich stehe dazu.


Das war nicht immer so. Als ich vor einigen Jahren das erste Mal durch Zufall (ich weiß, es gibt keine Zufälle) von Hochsensibilität gelesen habe, habe ich mich dort direkt erkannt. Ich habe einen Test gemacht und die enorm hohe Punktzahl hat mich ziemlich erschrocken. Noch am gleichen Tag habe ich mir ein Buch zum Thema besorgt. Das Lesen war von AHA-Effekten geprägt. Da hat jemand ein Buch über mich geschrieben. Doch plötzlich hat sich etwas in mir gesperrt. Das Buch sagt mir, dass ich nicht der Norm entspreche. Das ich anders bin als meine Familie, Freunde, Bekannte und Kollegen. Das wollte ich nicht akzeptieren.

Also habe ich das Buch im Schrank nach hinten verbannt und das Thema auch. Mein Leben habe ich weiter gelebt wie bisher. Was andere können, kann ich auch. Höher, schneller, weiter. Und dann kam er irgendwann. Ich bin direkt darauf zugesteuert, ohne Umwege, schnellen Schrittes auf in den „Burn Out“.

Jetzt hatte ich Zeit für mich. Jede Menge. Ich habe mein Leben infrage gestellt, analysiert und verzweifelt nach Hilfe und einem Ausweg gesucht. Schließlich wurde ich wieder auf das Thema Hochsensibilität gestoßen. Diesmal von jemand, der mich nur flüchtig kennengelernt hatte, meine HS aber sofort erkannt hat.

Und wieder fing ich an zu lesen, zu recherchieren und fand es erstaunlich wie sehr die Bücher mich offenbarten.

Also gut, ich bin hochsensibel. Und wie gehe ich mit dieser Tatsache jetzt in der Wirklichkeit um?

Anfangs habe ich die HS als Fluch empfunden. Als eine Art „Krankheit“. Und ich habe zunächst mit keinem darüber gesprochen. Nur wenigen habe ich mich anvertraut in der Hoffnung dort auf Verständnis und Unterstützung zu treffen. Dies war leider nicht der Fall. Im Gegenteil. Es hat mir sogar noch mehr Probleme gebracht als ich vorher hatte.

Im Nachhinein weiß ich warum. Ich selbst habe die HS abgelehnt, mich nicht mit ihr identifizieren wollen. Wie sollten die anderen dann meine HS ernst nehmen und mich verstehen?

Akzeptanz ist das Zauberwort.

Mittlerweile habe ich die HS akzeptiert und sehe sie nicht mehr nur als Fluch, sondern auch als Segen. Ich kann die vielen positiven Aspekte sehen und genießen.

Bei einem Musikstück höre ich z.B. nicht einfach nur die Melodie, Texte, Instrumente und Stimmen. Ich nehme intensiv die Emotion des Stückes wahr, die Emotion der Künstler die diese interpretieren und die Emotion die das Stück bei mir und den Menschen um mich herum erweckt. Das ist ein unglaublich schönes Gefühl all dieses wahrnehmen zu dürfen.

Ich schätze meine Intuition, mein Einfühlungsvermögen, meine intensive Wahrnehmung und die Achtsamkeit im Umgang mit anderen und mittlerweile auch mit mir selbst. Meine Fantasie und Kreativität beflügelt mich und in ihr finde ich den Kontakt zu mir selbst.

Es gibt so viele positive Seiten der Hochsensibilität. Dennoch muss ich jeden Tag auf mich achtgeben und auf die Signale meines Körpers hören. Die Überreizung in Grenzen halten und mir Auszeiten gönnen wann immer es notwendig ist.

Annehmen was ist, mich und meine Bedürfnisse achten – so kann ich gut mit der Hochsensibilität leben.

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